Archiv für August 2007

Fetisch, Patriarchat und anderer Leute Popkultur

Damals, 1945, haben die Alliierten Japan zwar die Demokratie gebracht – aber nicht nur um den Preis der Atombombe, sondern auch der westlich-bürgerlichen Geschlechtervorstellungen. Mit den Reformen unter der amerikanischen Besatzung wurden patriarchalische Werte vertieft, nach denen die Sexualität der Frauen von ihren Bedürfnissen getrennt und allein jenen der Männer untergeordnet wurden.

Liebe war in Japan bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein eng mit Sex verbunden. Es gab keine deutliche ideologische Zweiteilung zwischen der platonischen Liebe und der körperlich-geschlechtlichen wie im Westen.

Ein lesenswerter Beitrag von Ataru in seinem Block The Nonbiri Times unter anderem über Geschlechterverhältnisse und Populärkultur in Japan, in dem es vordergründig um etwas völlig anderes geht: Einen schlüpfrigen Manga um die zweideutigen Verhältnisse von Drittklässlerinnen zu ihrem jungfräulichem Lehrer und die Schwierigkeiten, diesen Manga auf den westlichen Markt zu bringen. So eine große Diskrepanz zwischen meiner Erwartungshaltung gegenüber dem Text nach den beigefügten Bildern und dem tatsächlichen Inhalt habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Legend of the Galactic Heroes

Mit jedem Monat wächst die Zahl der Anime, die in Japan ausgestrahlt werden. Und mit ihnen dank des Internets und der unüberschaubar großen Funsub-Szene auch die Menge jener Serien, die es nicht nur in die westlichen, sondern inzwischen alle englischsprachigen Gefilde der Welt schaffen. Nun komme ich mir zurecht alt vor, schreibe es aber trotzdem: Was für ein Unterschied zur Zeit vor noch zehn Jahren etwa, als man hierzulande die wenigen Serien aus dem Fernsehen begierig aufgenommen und einzeln kopierte Fansubs auf Videotapes per Post verschickt hat.

Die Übersicht über die vielen neuen Serien zu behalten fällt schwer. Und zuweilen scheint das gar nicht nötig, wenn sich mit dem Wachsen der Fansub-Szene zugleich Perlen älterer Serien aus den 80er und 90er Jahren auftun. Kimagure Orange Road, Maison Ikkoku und ähnliche haben es schon vor Jahren nach Nordamerika geschafft. Darunter auch all die Gundam-Serien um Kriege, politische Hinterzimmerstragien und die Heldentaten und Beziehungsprobleme von Roboterpiloten, die völlig an mir vorbeigegangen sind. Noch nicht lizensiert worden ist dagegen die Serie Legend of the Galactic Heroes.

Die enorme Länge von 110 Folgen mag abschrecken, in das Epos um den Krieg zwischem dem Galaktischen Kaiserreich und der Allianz der Freien Planeten hereinzuschauen. Einmal angefangen, vermag die durchgehende Handlung um den aufstrebenden General Reinhard von Lohengramm und sein Gegenüber Yang Wenli die Spannung jedoch bis zum Ende die Spannung aufrechtzuerhalten – geht es doch nicht nur um einen Konflikt zwischen zwei Mächten, sondern mit dem Gegensatz zwischen autokratischer Monarchie und demokratischer Republik auch um Fragen von politischer Bedeutung. Anfängliche Sympathien für eine Seite weiß der Handlungsverlauf geschickt aufzuweichen und beweist damit inhaltliche Tiefe, Fähigkeit zur Überraschung und Willen zur Konfrontation mit den Zuschauern und ihren Anschauungen. Oder vielleicht doch nur postmoderne Beliebigkeit?

Am Anfang erscheint das Universum noch in Ordnung. Auf der einen Seite steht eine westlich-geprägte, in ihrem Alltag von einer Vielzahl unterschiedlicher Menschen geprägte Demokratie, die im Behauptungskampf mit einer Monarchie steht. Jene wird uns als untergehende, von Dekadenz und Standesdünkel geprägte Gesellschaft vorgestellt. Nicht nur die Glorie des verblichenen Kaisergeschlechts, das einst Menschen mit angeborenen Behinderungen umbringen ließ, sondern auch eine an das absolutistische Preußen und die damit assoziierten nationalsozialistischen Traditionslinien anklingende Darstellung stellen einen deutlichen Kontrapunkt im Wertesystem dar. Während sich in diesem Umfeld Reinhard von Lohengramm als junger General mit List und nicht ohne Rücksichtslosigkeit emporkämpft, fühlt sich auf der anderen Seite Yang Wenli als einer von vielen Bürgern der Republik vollends Werten von Demokratie, Freiheit und Gleichheit verpflichtet. Später jedoch ist nicht nur mehr über Hintergründe und Motivationen der Charaktere erfahren, sondern auch über eine Historie, die alles andere als einen geschichtsphilosophischen Weg zum Fortschritt erfahren hat – und gleichfalls für die Zukunft vorsieht. Und in der die Hauptfiguren plötzlich und überraschend gegen jene anzugehen haben, für die sie eigentlich einzutreten glaubten…

Dieser Idealismus der Charaktere in einer untergehenden Gesellschaft auf der einen Seite, der Werte in die Zukunft retten möchte, und als Optimismus in Form einer mitreißenden Aufbruchsstimmung auf der anderen Seite macht eine Serie sympathisch, in der es doch nur, könnte man sagen, nur um Politik und Krieg geht. Zwar finden auch Komik, ein Schuss Romantik und nicht zuletzt Action auf den riesigen Schlachtfeldern des Alls ihren Platz. Doch obgleich es diese Alltäglichkeiten sind, die die Menschen antreiben, und es die Menschen und nicht Helden sind, die den Lauf der Geschichte bestimmen, verlieren sie sich in der Größe des Universums und seines umkämpften Schicksals.

Der Anime, dem ursprünglich eine Romanreihe zugrunde liegt, hat fast 10 Jahre seit 1988 gebraucht, bis er beendet wurde. Fast möchte man meinen, die Macher hätten ein wenig von der Weltgeschichte um sie herum auch in ihre Darstellung einfließen lassen: Da werden nicht nur Ideale verraten und kollabieren Reiche aufgrund der inneren Schwäche, sondern erlebt auch der Terrorismus mit seinen wahnwitzigen Taten für Ideale einer vergangenen Zeit eine ungeahnte Blüte. Nur wird er in dieser Zukunft letztendlich besiegt.

Ungewollt skurril mutet dagegen der Rekurs auf das Preußen des 18. Jahrhunderts im Galaktischen Kaiserreich an, wenn Vorstellungen adliger Lebensweise, vormodern-ritterlicher Kriegsführung und nordischer Mythologie gegen die Rationalität der Moderne in Stellung gebracht werden: Da es für Japaner unmöglich ist, sich Namen in der unverständlichen Sprache auszudenken, mußten sie in für sie wohl gleichfalls unverständlichen Geschichtsbüchern wildern. Nicht anders ist es zu erklären, dass der Antisemit Sombart neben dem Sozialisten Grotewohl oder dem jüdischen Liberalen Oppenheimer als Namensgeber auftaucht. Im Original heißt die Serie übrigens Heldensagen vom Kosmoinsel.

Central Anime hat Legend of the Galactic Heroes jüngst als englisch untertiteltes Fansub in einer qualitativ hervorragenden Version abgeschlossen. Wer es müßig ist, zwischen all den neu erscheinenden Serien die guten herauszufinden, ist hier mit einer anspruchsvollen Perle der Anime-Geschichte auf der sicheren Seite.

Legend of the Galactic Heroes