Archiv für April 2010

Die Chroniken von Erdsee

Man muss Universum Film / UFA dankbar sein, dass sie eine Anime-Sparte in ihr Programm aufgenommen haben und die Filme des grandiosen Ghibli-Studios in einer Reihe veröffentlichen. Wunderbare Filme wie Mein Nachbar Totoro, das geniale Öko-Märchen Prinzessin Mononoke oder fantastische Abenteuer wie Chihiros Reise ins Zauberland kommen so zu einer ansehnlichen DVD-Veröffentlichung.

Unter den neueren Filmen des Studios, das von den beiden Granden der Animationskunst, Hayao Miyazaki und Isao Takahata dominiert wird, findet sich auch Die Chroniken von Erdsee. Als Regisseur trat mit Miyazakis Sohn Gorō ein Mitglied der jüngeren Generation des Studios auf, um einen Roman der – mir unbekannten – Erdsee-Reihe von Ursula K. Le Guin umzusetzen.

Der Film weiß in den ersten Minuten mit dem typischen Charme zu bezaubern: Die Zuschauer/innen werden in eine fantastische Welt mitgenommen, die von Mystik gezeichnet ist, von der geheimnisvollen Existenz von Drachen und dem Untergang von Magiern. In seinen beeindruckenden Bildern und dem lebendigen Geschehen stellt der Film eine Welt vor, die an das post-antike Mittelmeer erinnert, in dem die Größe untergegangener Kulturen und Reiche verblasst und sich in den Ruinen zerfallener Städte Menschen sammeln, die mit Resignation und Verachtung auf die Vergangenheit blicken und mit Zynismus und Brutalität in der Gegenwart zu überleben versuchen. Dazwischen bewegt sich der junge Arren, ein Prinz, der seinen Vater ermordet hat und nun vor sich und seiner an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung zu fliehen versucht. Als er von dem umerziehenden Magier Sperber aufgenommen wird, beginnt für ihn eine Reise, die Arren mit machtgierigen Zauberern, Drachenwesen und vor allem immer wieder sich selbst konfrontieren soll.

Was viel Potential verspricht, fällt in den dominierenden zwei Dritteln des Films leider mehr als flach und unspektakulär aus: Die Kulisse grandioser Ruinenstädte wird gegen einen unspektakulären Bauernhof und eine monoton finstere Burg ausgetauscht; Charaktere werden eingeführt, die rasante Sinneswandlungen ohne nachvollziehbare Entwicklung durchleben oder eine tiefe Hintergrundgeschichte andeuten, ohne diese jemals auszuführen; die weiblichen Hauptfiguren sind fast gänzlich untätig und überlassen die Initiative den männlichen Protagonisten; und die Handlung endet in einem finalen Turn, der urplötzlich aus dem Himmel fällt und mit keinerlei Erklärung aufzuwarten weiß. Ein Einfühlen in die Handlung wird dadurch erschwert oder gar unmöglich gemacht, dass man die Protagonisten eigentlich nie richtig kennenlernt. Paradoxerweise gelingt das gerade in den Szenen, in denen sie etwa in einer größeren Stadt im Umfeld vieler Menschen interagieren – Szenen, die zugunsten der scheinbaren Besinnlichkeit auf dem Land sehr kurz ausfallen.

So ist Die Chroniken von Erdsee ein Film, der mit tollen Bildern, prima musikalischer Untermalung und typischer Phantasie in der Präsentation einer glaubhaften und lebendigen Welt an viele Erfolgsrezepte anderer Werke aus dem Hause Ghibli anknüpft. In den wichtigen Bereichen von Handlung und Charakterentwicklung enttäuscht er jedoch. Das macht den Film nicht unansehbar, lässt ihn jedoch im Vergleich zu seinen Vorgängern mehr als verblassen. Da schaue ich mir beim nächsten Mal lieber zum zwölften Mal Prinzessin Mononoke an… Schade.

Final Fantasy XIII

Es ist eine schlechte Angewohnheit, in den Waren der Pop-Kultur beständig nach subversiven oder progressiven Elementen zu suchen, die diese über den bloßen Konsum hinaus mit dem eigenen linken Selbstverständnis in Einklang bringen können. Denn schließlich streut die Industrie nicht nur beständig interpretationswillige Schnipsel in ihre Produkte, sondern leben die Feuilletons gut von dieser symbiotischen Sinnsuche. Man schaue sich nur an, was sich alles in Avatar, dem visuell eindrucksvollsten Schund der letzten Jahre, mit seinen Billig-Botschaften finden ließ.

Nichtsdestotrotz: Die Filme von Hayao Miyazaki mochte ich bisher immer auch gerade deshalb, weil sie starke Frauen zu ihren Hauptfiguren machten – wenn auch die Süddeutsche kürzlich ohne weitere Angaben dem Regisseur ein recht konventionelles Rollenverständnis nachsagte. Toughe Protagonistinnen waren es auch, die mich im kürzlich erschienenen Final Fantasy XIII begeisterten. Doch nicht nur das: Das japanische Rollenspiel kann mit einer spannenden Geschichte, umwerfender Präsentation und eingängigem Spielfluss begeistern.

Wie alle Vorgänger der nie zusammenhängenden Reihe würfelt es in einem Fantasy-Setting eine Reihe von Charakteren zusammen, die ungewollt an eine Vorherbestimmung gebunden werden und sich darüber auseinandersetzen müssen, ob sie sich ihrem Schicksal fügen wollen. Dabei geht es im Finale mal wieder um nicht weniger als die Rettung der Welt, doch zugleich spielen persönliche Bindungen und Beziehungen der Figuren wie auch moralische Auseinandersetzungen und Verwerfungen eine große Rolle. Wie für das Genre typisch ist die Geschichte recht linear, ist die scheinbare Bewegungsfreiheit abseits der Storyline diesmal jedoch sehr eingeschränkt und warten keine Erkundung von Städten und Regionen oder das Absolvieren von Mini-Games auf die Spieler/innen. Das läßt sich jedoch verschmerzen durch das stetige Voranschreiten der Geschichte, die in einer Vielzahl von Ingame- oder Video-Sequenzen präsentiert wird. Was es dabei zu bewundern gibt, ist phänomenal: Eine fantasievolle und eindrucksvolle Grafikkulisse und ein mitreißender oder bewegender Soundtrack versetzten mich so einiges Mal in Erstaunen angesichts der HD-Pracht. Nicht weniger prächtig ist das Spielgeschehen selber, das mit einer lebendigen Umgebung und rasanten und actiongeladenen Kämpfen aufwartet. Selbst die englische Synchro konnte mich überzeugen.

Man mag einwenden, dass es all das in anderen Rollenspielen schon vielfältiger und komplexer gegeben hat, dass die Charaktere Rollentypen entsprechen und Idendifikationsmöglichkeiten bedienen sollen sowie die Story an einigen Stellen noch etwas mehr Tiefe oder Hintergründe etwas der Antagonisten verkraftet hätte. Dies verkennt jedoch, dass es dem Spiel nichtsdestotrotz ausgesprochen gut gelingt, Atmosphäre herzustellen und die Spieler/innen in seinen Bann zu ziehen. Dabei mutet es zwar immer mehr wie ein interaktiver Film an, der von Spielszenen unterbrochen wird. Doch nichtsdestotrotz ist es ein Erlebnis, dass in jeder Minute zu unterhalten weiß. Und dabei mehr Tiefe und Ausdauer zu bieten hat als so manches neuere westliche Fantasy-Spektakel wie eben Avatar.