Die Chroniken von Erdsee

Man muss Universum Film / UFA dankbar sein, dass sie eine Anime-Sparte in ihr Programm aufgenommen haben und die Filme des grandiosen Ghibli-Studios in einer Reihe veröffentlichen. Wunderbare Filme wie Mein Nachbar Totoro, das geniale Öko-Märchen Prinzessin Mononoke oder fantastische Abenteuer wie Chihiros Reise ins Zauberland kommen so zu einer ansehnlichen DVD-Veröffentlichung.

Unter den neueren Filmen des Studios, das von den beiden Granden der Animationskunst, Hayao Miyazaki und Isao Takahata dominiert wird, findet sich auch Die Chroniken von Erdsee. Als Regisseur trat mit Miyazakis Sohn Gorō ein Mitglied der jüngeren Generation des Studios auf, um einen Roman der – mir unbekannten – Erdsee-Reihe von Ursula K. Le Guin umzusetzen.

Der Film weiß in den ersten Minuten mit dem typischen Charme zu bezaubern: Die Zuschauer/innen werden in eine fantastische Welt mitgenommen, die von Mystik gezeichnet ist, von der geheimnisvollen Existenz von Drachen und dem Untergang von Magiern. In seinen beeindruckenden Bildern und dem lebendigen Geschehen stellt der Film eine Welt vor, die an das post-antike Mittelmeer erinnert, in dem die Größe untergegangener Kulturen und Reiche verblasst und sich in den Ruinen zerfallener Städte Menschen sammeln, die mit Resignation und Verachtung auf die Vergangenheit blicken und mit Zynismus und Brutalität in der Gegenwart zu überleben versuchen. Dazwischen bewegt sich der junge Arren, ein Prinz, der seinen Vater ermordet hat und nun vor sich und seiner an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung zu fliehen versucht. Als er von dem umerziehenden Magier Sperber aufgenommen wird, beginnt für ihn eine Reise, die Arren mit machtgierigen Zauberern, Drachenwesen und vor allem immer wieder sich selbst konfrontieren soll.

Was viel Potential verspricht, fällt in den dominierenden zwei Dritteln des Films leider mehr als flach und unspektakulär aus: Die Kulisse grandioser Ruinenstädte wird gegen einen unspektakulären Bauernhof und eine monoton finstere Burg ausgetauscht; Charaktere werden eingeführt, die rasante Sinneswandlungen ohne nachvollziehbare Entwicklung durchleben oder eine tiefe Hintergrundgeschichte andeuten, ohne diese jemals auszuführen; die weiblichen Hauptfiguren sind fast gänzlich untätig und überlassen die Initiative den männlichen Protagonisten; und die Handlung endet in einem finalen Turn, der urplötzlich aus dem Himmel fällt und mit keinerlei Erklärung aufzuwarten weiß. Ein Einfühlen in die Handlung wird dadurch erschwert oder gar unmöglich gemacht, dass man die Protagonisten eigentlich nie richtig kennenlernt. Paradoxerweise gelingt das gerade in den Szenen, in denen sie etwa in einer größeren Stadt im Umfeld vieler Menschen interagieren – Szenen, die zugunsten der scheinbaren Besinnlichkeit auf dem Land sehr kurz ausfallen.

So ist Die Chroniken von Erdsee ein Film, der mit tollen Bildern, prima musikalischer Untermalung und typischer Phantasie in der Präsentation einer glaubhaften und lebendigen Welt an viele Erfolgsrezepte anderer Werke aus dem Hause Ghibli anknüpft. In den wichtigen Bereichen von Handlung und Charakterentwicklung enttäuscht er jedoch. Das macht den Film nicht unansehbar, lässt ihn jedoch im Vergleich zu seinen Vorgängern mehr als verblassen. Da schaue ich mir beim nächsten Mal lieber zum zwölften Mal Prinzessin Mononoke an… Schade.


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